Digitale Herausforderungen der Hochschulen

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Beitrag von Prof. Ada Pellert, Rektorin der FernUniversität in Hagen, über neue Trends in der Hochschullehre.

Die rapide Transformation unserer Gesellschaft ist vor allem durch Technisierung und Globalisierung gekennzeichnet. In vielen Bereichen werden mittels Digitalisierung gewohnte Abläufe modernisiert oder gar ganz auf den Prüfstand gestellt. IT-Innovationen treiben Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Recht auf zwei Wegen voran, die etwa die Wirtschaftsinformatikerin Ulrike Baumöl unterscheidet: durch Automatisierung (digitization) und das Ermöglichen neuer Geschäftsmodelle, Prozesse, Produkte und Dienstleistungen (digitilization) voran. Gerade in der Musikbranche, in den Printmedien, aber auch im Handel gibt es Beispiele für disruptive Innovationen durch neue Technologien, die zuvor scheinbar unanfechtbare Positionen von Marktführern untergraben und zur grundlegenden Veränderung von Geschäftsmodellen geführt haben.

Im Hochschulbereich werden die neuen Technologien bislang im Wesentlichen zur Bewältigung des Massenansturms in einzelnen Kursen verwendet. Selten noch haben sie tatsächlich disruptive Innovationen oder strategische Veränderungen in der grundlegenden Art und Weise Bildung zu vermitteln ausgelöst.

Transparente Lehre

Folgende Auswirkungen auf den Hochschulbereich sind jedoch schon beobachtbar bzw. kündigen sich massiv an: Die Lehre wird öffentlich und damit transparent und vergleichbar, etwa beim wachsenden Angebot kostenloser Onlinekurse, den sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses). Das ist eine gute und eine schlechte Nachricht: Schlecht ist es, wenn es zu einer „Hollywoodisierung“ der Inhalte kommt – so wie der europäische Film sich behaupten muss, wird es auch hier eine Achtsamkeit vor kultureller Dominanz geben müssen. Ein „Artenschutz“ der Inhalte ist erforderlich, damit sich nicht nur die durchsetzen, die mit viel Geld und teuren Effekten produziert und daher vom Publikum begeistert aufgenommen werden. Die gute Nachricht lautet: Transparenz trägt immer auch zur Qualitätssteigerung, hier im Bereich der hochschulischen Lehre, bei.

Transparenz stärkt zudem die Nachfragemacht der Studierenden, da sie mehr aussuchen, vergleichen und bewerten können. Dieser Prozess kann die Rolle der Hochschulen als Institutionen, die das Monopol auf das Zertifizieren tertiärer Qualifikationen haben, verändern. Denn durch die steigende Bedeutung der Hochschulen für die berufliche Aus- und Weiterbildung drängen immer mehr private Anbieter auf den akademischen Bildungsmarkt – mit digitalen Lernangeboten. Die zentrale Frage wird sein, wie rasch die Definitionsmacht von Bildung/Qualifikation von der Angebotsseite (Hochschulen) auf die Nachfrageseite (Studierende, Arbeitsmarkt) übergeht.

Individualisiertes und kollaboratives Lernen

Die Studierenden werden von Anwendern verstärkt zu Produzenten. Lerninhalte kommen oft kostenlos von Peers als „Commons“. Bildung wird zunehmend de-institutionalisiert. Ein Ergebnis sind – wie es der Organisationsforscher Ayad Al Ani formuliert -„Edupunks“, jene Individuen, die selbstgesteuerte Lernpfade als Alternative oder Ergänzung zu den klassischen universitären Strukturen entwickeln und dabei moderne soziale Informationstechnologien nützen. Die neuen Medien ermöglichen aber nicht nur individualisierte Lernerfahrungen. Sie können auch die Kooperation und Kollaboration von Studierenden und Lehrenden stärken. Lernen in Communities ergänzt im Idealfall den selbstgesteuerten Lernpfad und ist ein zentrales Element neuer Lernstrategien.

Erfolgreich verlaufen beide allerdings nur, wenn Studierende über hohe Medienkompetenz zur Bewertung von Wissensquellen und zu kritischem Wissensmanagement verfügen. Dies muss bereits in Schulen vorbereitet werden. Der tägliche Unterricht muss die modernen medialen Realitäten zum Gegenstand haben und Fähigkeiten zum kundigen und kritischen Umgang mit neuen Medien stärken.

Die Rollen von Lehrenden werden vielfältiger

Die Veränderungen in den Informations- und Kommunikationstechnologien haben etwa im Sport, in der Unterhaltungsindustrie, aber auch im Kulturbetrieb aus lokaler Prominenz globale Stars gemacht, während sich die Bedeutung der lokalen Ensembles oftmals verringert hat. Nach dem Hochschulforscher Hans Pechar wird sich auch im Hochschulbereich der Trend zu akademischen Stars mit weltweiter Ausstrahlung verstärken. Dies kann zur stärkeren Hierarchisierung und Mittelkonzentration innerhalb der gleichen akademischen Statusgruppe führen und wird die heute in der Realität der Massenuniversität oft nur als normative Idee erlebbare Einheit von Forschung und Lehre weiterer Spannung aussetzen.

Da sich nicht alle Professorinnen und Professoren auf die aufwendige Produktion eines global verfügbaren Contents werden konzentrieren können, differenzieren sich die Rollen der Lehrenden auch innerhalb des Bereichs der Lehre aus. An Einrichtungen wie der Fernuniversität in Hagen, wo mediengestützte Lehre systemische Bedeutung hat, arbeiten Lehrende, die die zu vermittelnden Inhalte definieren, oft mit Mediendidaktikern sowie Medientechnikerinnen zusammen. „Scholarship“, also das Leitbild der akademischen Lehre, muss zukünftig auch darin gesehen werden, wie verschiedene Wissensquellen in sinnvollen Lernarrangements zusammengestellt werden.

Die Rolle der Institutionen wird sich verändern: Neben der Zertifizierung als zentraler Kompetenz wird die Hochschule als Begleiterin durch eine diverse Bildungslandschaft und als Partnerin des lebensbegleitenden Lernens gefragt sein. Wenn Lernen auf Vorrat durch wiederkehrendes Lernen für neue Aufgaben abgelöst wird, braucht es verstärkt Mentorinnen und Mentoren, welche die Studieninteressierten durch eine Vielzahl von Lernoptionen führen. Reputation erhält die Einrichtung dadurch, wie qualitätsgesichert sie diese Rolle einnimmt – dies wird entscheidend sein. Auch die Durchlässigkeit zum gesamten Bildungswesen muss organisieret und inhaltlich validiert werden. Das Zusammenspiel von Bildung und Arbeit, Hochschule und Berufspraxis kann mit Hilfe digitaler Medien durch Überbrückung von räumlicher Distanz und auch zeitversetzte Kommunikation erleichtert werden.

Matthäus-Effekt in der Bildung bekämpfen

Gesellschaftlich muss gegen den Matthäus-Effekt angekämpft werden: Wer hat, dem wird gegeben, wer weiß (Basiskompetenzen), der wird noch mehr wissen (medienkompetente Nutzung der neuen medialen Möglichkeiten). Bildung muss daher handlungsfähig in der digitalen Gesellschaft machen.

Auch Zielgruppen, die heute noch keinen guten Zugang zur Hochschule haben, können und müssen besser angesprochen werden: Personen aus Familien mit nichtakademischem Hintergrund, Ältere, Arbeitstätige. Eine akademische Ausbildung wird für alle zu einer zunehmend wichtigen Form, sich gesellschaftlich in Beziehung zu setzen, nicht ausgegrenzt zu werden und Berufsmöglichkeiten auszuweiten. Lebensbegleitendes Lernen, das durch digitale Medien gestützt wird, ist wesentlich, um ein Auseinanderfallen der Gesellschaft zu verhindern. Es braucht Medienkompetenz, um im Studium, am Arbeitsplatz oder in sozialen Bewegungen mitzubestimmen.

Einmischung in die gesellschaftliche Debatte

Deutlich wird anhand der Entwicklung der letzten Jahre, wie neue Technologien auf bereits laufende gesellschaftliche Transformationsprozesse getroffen sind und sich vor allem dort verbreiten konnten, wo Bedarf für sie schon vorhanden war. Der Medientheoretiker Felix Stalder etwa stellt in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ zwei politische Entwicklungslinien in der Gesellschaft der Digitalität zur Diskussion: Postdemokratie als Stärkung von Entscheidungskapazitäten auf Ebenen, auf denen Mitbestimmung ausgeschlossen ist, und der Ansatz der Commons als Versuch, die Ebene der Beteiligung und der Entscheidung nicht voneinander zu trennen. Die neuen infrastrukturellen Möglichkeiten werden ihnen angepasste gesellschaftliche Institutionen hervorbringen. Insofern sind die Hochschulen als Orte des republikanischen Diskurses aufgefordert, auch diese Debatte mitzugestalten.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in „Das Netz 2016/2017. Jahresrückblick Digitalisierung und Gesellschaft“ bei iRights.media am 19.12.2016.

2017-07-12T17:07:52+00:00

One Comment

  1. Elisabeth Benedik 20. Januar 2017 at 17:00 - Reply

    „Es braucht Medienkompetenz, um im Studium, am Arbeitsplatz oder in sozialen Bewegungen mitzubestimmen.“
    …wie wahr!

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