Das SAMR-Konzept – Orientierungshilfe für Schulen

//Das SAMR-Konzept – Orientierungshilfe für Schulen

Das Forum school@LEARNTEC findet vom 30.01.-01.02.2018 zum fünften Mal im Rahmen der LEARNTEC in Karlsruhe statt. Ein Schwerpunktthema wird die Verzahnung von schulischen Medien- und Ausstattungskonzepten sein. Im zweiten von vier Teilen des Gastbeitrags geht es um Orientierungshilfen auf dem Weg zur digitalen Schule.

Eine Orientierungshilfe bei der Erarbeitung von Medienkonzepten bietet das SAMR-Konzept von Puentendura (siehe Abbildung). Es unterscheidet den Effekt vom Einsatz digitaler Medien im Lernkontext in zwei Kategorien: Erweiterung und Umformung. Die Kategorie Erweiterung teilt er in Technik als direkten Ersatz für bisherige Arbeitsmittel ohne funktionale Verbesserung (Ersetzung) und mit funktionaler Verbesserung (Augmentation). Die Kategorie Umformung teilt er in Technik, die eine beträchtliche Neugestaltung von Aufgaben ermöglicht (Modifizierung) und Technik, die das Erzeugen völlig neuartiger Aufgaben ermöglicht (Neudefinition). Damit bietet das SAMR-Konzept ein vierstufiges Referenzmodell, das Schulen bei der Entwicklung von Medienkonzepten eine Orientierung gibt.

Dazu ein Beispiel: Das Schulbuch als E-Book ist lediglich eine Ersetzung eines analogen durch ein digitales Medium. Angereichert mit multimedialen Inhalten (z.B. Videoclips oder Audiodateien) lassen sich funktionale Verbesserungen erzielen (Augmentation) – das elektronische Schulbuch integriert Medien, die ansonsten über andere Kanäle zusätzlich angeboten werden müssten.
Auf beiden Ebenen erweitert Technik den traditionellen Unterricht mehr oder weniger. Die Anforderung, Kompetenzen für das 21. Jahrhundert mit digitalen Medien zu vermitteln und anzuwenden wird damit aber nicht erfüllt. Dies geschieht erst auf der Ebene der Umformung, wenn Technik der Neugestaltung von Lernarrangements dient. Um beim Beispiel des Schulbuchs zu bleiben: Erstellen Lernende zum Beispiel mit AppleAuthor oder OneNote ihre eigenen Schulbücher, benötigen sie dafür die Kompetenzen des 4K-Lernens (Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und Kritisches Denken) und wenden diese gleich praktisch an. Und wie könnte der maximale Mehrwert erzielt werden, bei dem Technik das Erzeugen völlig neuartiger Aufgaben ermöglicht? Prof. Frank Thissen von der Hochschule der Medien verweist in seinen Vorträgen auf internationale Beispiele von „Learners as Designers“: Schüler „designen“ ihre eigenen Fragen und – mit Unterstützung von Lerncoaches – in Projektarbeit und Kollaboration mit Mitschülern und externen Experten realisieren sie ihre Antworten als „Produkt“. Erfahrungen und auch wissenschaftliche Studien belegen, dass bei dieser Form des Lernens die intrinsische Motivation deutlich zunimmt und die Lernerfahrungen wesentlich nachhaltiger sind.
Auch dazu ein Beispiel: An der Ernst-Reuter-Schule, einer Gemeinschaftsschule in Karlsruhe, erstellen Lernende Erklärvideos im Auftrag von Lehrkräften für diverse Lernkontexte. Das notwendige technische und dramaturgische Know-how steuern Schulpartner aus Medienwirtschaft und Kultur bei. Die Ergebnisse sind professionell und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet (http://www.ers-karlsruhe.de).

Das SAMR-Konzept eröffnet individuell jedem Lehrenden die Möglichkeit, seine bisherigen Lernsettings hinsichtlich des Einsatzes digitaler Medien zu beurteilen und neue digitale Szenarien auszuloten. Auch dazu ein Beispiel: Sonja Hennig unterrichtet Deutsch am Städtischen Gymnasium Olpe. Seit etwa zwei Jahren sammelt sie Erfahrungen mit dem Flipped Classroom. Sie zeichnet kurze Videoclip-Reihen zu den vermittelnden Unterrichtsinhalten auf. In der SEK I setzt sie den Flipped Classroom eher „traditionell“ ein. Den ersten Clip einer Unterrichtsreihe schauen die Lernenden gemeinsam im Unterricht. Danach lernen sie in ihrem eigenen Tempo und entscheiden selbst, ob sie den Clip zuhause erneut schauen und wann sie mit dem nächsten starten. So wird Zeit für die Binnendifferenzierung und für kollaborative Lernsettings mit und ohne digitale Medien gewonnen.

Die Ersetzung des Frontalunterrichts durch Erklärvideos lässt sich nach dem SAMR-Konzept als Erweiterung (Stufe 2 – Augmentation) einordnen. In der Oberstufe hat Sonja Hennig begonnen, die Videoclips nicht mehr selbst zu gestalten, sondern ihre Schüler dazu zu befähigen. Laut Puentendura bewegt sich der Unterricht damit bereits im Bereich der Umformung (Stufe 3 – Modifizierung). An diesem Beispiel lässt sich gut erkennen, welche Anforderungen sich an die Medienausstattung ergeben. An der Schule von Sonja Hennig ist es in der SEK I zwingend notwendig, dass die Schüler zuhause die Möglichkeit haben, die Lehrvideos zu schauen, es reicht ein Tablet oder eventuell sogar ein Handy-Display. Im Unterricht ist ein Projektor oder Interaktives Whiteboard erforderlich. Hard- und Software für das Aufzeichnen und Bearbeiten der Videoclips wird lediglich bei der Lehrkraft, ggf. sogar privat angeschafft, vorausgesetzt. Und auch der YouTube-Kanal wird von der Lehrkraft administriert. In der SEK II leiten sich aus der Methodik des Flipped Classroom andere Voraussetzungen ab: Da die Bearbeitung des Lehrstoffs und die Produktion in Projektgruppen erfolgt, benötigen alle Schüler im Unterricht Internetzugang und ein Tablet, – idealerweise allesamt identische Geräte – ggf. einen PC/ein Notebook mit Videoschnitt- und Audiobearbeitungsprogrammen und einen Schulaccount für einen Cloud- oder Videokanaldienst.

Das Interaktive Whiteboard, bzw. Monitor oder Beamer werden zum Medium von Gruppenarbeiten und -präsentationen, der Lehrer-PC ist nicht mehr die einzige und alleinige Quelle im Präsentationsmodus, sondern eine Vielzahl von Schüler-Endgeräten muss mittels Boardsoftware oder zusätzlicher Hardware (z.B. Apple-TV) wechselnd auf dem Display angezeigt werden können. Die beiden Szenarien machen deutlich, wie wichtig es bei der Erstellung oder Überarbeitung von Medienkonzepten ist, sich eine skalierbare Medien-Infrastruktur zu verschaffen.

In dritten Teil des Gastbeitrags zeigt der Autor an weiteren Beispielen die Abhängigkeit von didaktischen und medialen Konzepten. Außerdem wird gefragt: Welche Grundausstattung sollte einheitlich gegeben sein und welche spezielle Medienausstattung kann für besondere Lernarrangements zusätzlich schrittweise implementiert werden.

2018-01-23T12:09:58+00:00