„Die Kinder lernten durch das Whiteboard nachweisbar besser“

//„Die Kinder lernten durch das Whiteboard nachweisbar besser“

Die Psychologin Ursula Fischer untersuchte, ob und wie sehr sich die Lernfähigkeit von Zweitklässlern durch interaktive Whiteboards im Mathematikunterricht verbessert. Und plädiert im Interview für einen lernförderlichen Einsatz im Klassenzimmer, der weit über das Whiteboard als Präsentationsmedium hinausgeht.

Sie haben vor einiger Zeit an einer Studie mitgearbeitet. Worum ging es dabei?

In unserer Studie entwickelten wir ein mathematisches Training für Kinder der zweiten Klasse, in dem die Inhalte mithilfe eines interaktiven Whiteboards vermittelt wurden. Das Ziel der Studie war herauszufinden, ob wir die Wirksamkeit des Trainings mithilfe der digitalen Tafel erhöhen können. Wichtig war uns dabei vor allem, das Whiteboard möglichst lernförderlich einzusetzen, also nicht nur als ein aufregendes Präsentationsmedium.

In der Trainingsaufgabe sollten die 27 teilnehmenden Zweitklässler zufällige Zahlen auf einem Zahlenstrahl von 0 bis 100 oder von 0 bis 1000 einzeichnen, der groß auf dem Whiteboard zu sehen war. Da die Kinder somit während des Trainings am Whiteboard entlang liefen, um ihre Zahl an die richtige Position zu setzen, lernten sie die kleinen Zahlen mit der linken und die großen Zahlen mit der rechten Seite des Raumes in Verbindung zu bringen. Ihre Vorstellung des Zahlenraums sollte sich dadurch deutlicher verbessern als durch zwei Vergleichstrainings: In einem wurde dieselbe Zahlenstrahlaufgabe an einem Computer durchgeführt, um festzustellen, ob die ganzkörperliche Bewegung vor dem Whiteboard den Trainingseffekt verstärkt. In dem anderen Vergleichstraining war am Whiteboard eine einfachere, nicht numerische Aufgabe zu lösen, bei der die Kinder aus verschiedenfarbigen Kreisen alle grünen Kreise auswählen sollten. Mit dieser Kontrollaufgabe sollte ausgeschlossen werden, dass die Kinder sich nur verbesserten, weil sie durch das neue Medium stärker motiviert waren.

Tatsächlich verbesserten sich die Kinder am stärksten am Whiteboard in dem Zahlenstrahltraining – und nicht bei der einfacheren Kreisaufgabe. Hinzu kam durchaus ein Motivationseffekt des Whiteboards: Die Kinder waren nach dem Training am Computer weniger konzentriert und machten mehr Fehler in einer Additionsaufgabe als nach dem Training am Whiteboard.

Studie „Full-body Movement in Numerical Trainings: A Pilot Study with an Interactive Whiteboard“
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Wer war an der Studie beteiligt?

Die Studie konzipierte ich im Rahmen meiner Promotion gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern des Leibniz-Instituts für Wissensmedien sowie der Universität Tübingen. Bei der Durchführung unterstützten mich zudem eingewiesene Psychologiestudierende. Für das Training wurden die Kinder von ihren Eltern in das Institut gebracht, die währenddessen warteten. Das Training wurde mit den Kindern einzeln durchgeführt, um Störeinflüsse von außen zu vermeiden.

Es gibt Lehrerinnen und Lehrer, die der Meinung sind, ein Beamer und ein Tablet reichen für den Unterricht aus, weil man alles vom Platz aus steuern kann. Was sagen Sie denen?

Ich denke, dass dies eine zu pauschale Aussage ist. Die Wahl des Mediums sollte auch von den zu vermittelnden Inhalten abhängig gemacht werden. In unserer Studie sollte die Bewegung im Raum den Kindern helfen, die Inhalte tiefer zu verarbeiten. Bei räumlich-visuellen Aufgaben wie dem Einzeichnen von Zahlen auf einem Zahlenstrahl ist dies ein durchaus lernförderliches Vorgehen. Arbeitet die Lehrkraft am Tablet und projiziert lediglich das Display an die Wand, besteht hier das Problem, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nachvollziehen können, was die Lehrkraft macht, da weder ein Cursor noch die Hand der Lehrkraft sichtbar sind. Dahingegen können die Schülerinnen und Schüler am interaktiven Whiteboard die Handlungen der Lehrkraft – wie auf den relevanten Inhalt zeigen, antippen, ziehen oder ihn vergrößern – unmittelbar nachvollziehen. Besonders für mathematische Inhalte haben Studien aus den USA gezeigt, dass Handlungen der Lehrkraft, wie zum Beispiel Gestiken während einer Erklärung, den Schülerinnen und Schülern das Verstehen von Zusammenhängen erleichtern.

Andere wiederum sind der Auffassung, dass Schülertablets der neue Trend sind und interaktive Displays ausgedient haben. Was sagen Sie dazu?

Ich denke, dass Schülertablets andere Möglichkeiten bieten als interaktive Displays. Gerade in unserem Training gehen wir aber davon aus, dass die ganzkörperliche Bewegung vor dem interaktiven Whiteboard zum Trainingserfolg beigetragen hat – diese wäre mit Schülertablets nicht realisierbar gewesen. Grundsätzlich halte ich eine Kombination von Schülertablets mit interaktiven Whiteboards, zum Beispiel während direkter Instruktion, für sinnvoll. So kann die Lehrkraft vorne das Whiteboard bedienen und das Display entweder auf die Schülertablets spiegeln, oder den Schülern auf dem gewissermaßen „größeren Tablet“ zeigen, wie eine Aufgabe zu bearbeiten ist.

Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem „Lernvoraussetzungen von Schülerinnen und Schülern“. Was sind gute, also förderliche Lernvoraussetzungen?

Mit der zunehmenden Allgegenwärtigkeit von Touchscreens verändern sich die notwendigen Lernvoraussetzungen, die Schülerinnen und Schüler mitbringen müssen, um gut mit solchen Displays umgehen zu können. Zurzeit befasse ich mich in meiner Forschung vor allem mit den feinmotorischen Lernvoraussetzungen von Kindern für den Erwerb mathematischer Kompetenzen. Dabei stellen wir durchgehend fest, dass die Handgeschicklichkeit der Kinder einen großen Einfluss darauf hat, wie gut diese mathematische Inhalte verstehen. Die Feinmotorik ist besonders bei der Arbeit an Tablets gefragt, da das präzise Wischen, Ziehen und Tippen auf dem Touchscreen eine gute Augen-Hand-Koordination voraussetzt. Möglicherweise trainiert die Bedienung eines Touchscreens auch die Feinmotorik der Kinder. Was damit allerdings auch in Zukunft nicht zu ersetzen sein wird, ist die Auseinandersetzung mit mathematischem Anschauungsmaterial besonders in der Grundschulzeit: Der aktive Umgang mit Materialien wie Plättchen, Perlen oder Würfeln erlaubt den Kindern im frühen Mathematikunterricht ein multisensorisches Erleben von Mengen und Zahlen, das digital nicht simuliert werden kann.

Was wünschen Sie sich für die Schulen und die Lehrkräfte? Welche Ausstattung sollte es im Klassenzimmer geben?

Ich wünsche mir für die Lehrerinnen und Lehrer, dass sie der Einführung digitaler Medien im Klassenzimmer offen gegenüberstehen. Gleichzeitig ist jedoch Vorsicht geboten, wenn mit zu viel Enthusiasmus und zu wenig Expertise an die Digitalisierung herangegangen wird. Die Forschung zum lernförderlichen und zielführenden Einsatz digitaler Medien in der Schule steckt in vielen Bereichen noch in den Kinderschuhen – daher benötigen wir qualitativ hochwertige Fortbildungen für Lehrkräfte und eine verbesserte Umsetzung von Forschungsergebnissen in die Praxis. Studien haben gezeigt, dass das bloße Vorhandensein eines interaktiven Whiteboards im Klassenzimmer nicht bedeutet, dass es auch sinnvoll eingesetzt wird. Ohne die notwendige Einführung der Lehrkräfte in das Medium verkommt das Whiteboard zu einem einfachen Ersatz für den Beamer.

Dr. Ursula Fischer ist Psychologin und arbeitet am Lehrstuhl für Schulpädagogik an der Universität Regensburg. Sie ist Teil der Expertencommunity des Netzwerk Digitale Bildung. 

Hier geht es zu ihrem Profil.

2018-01-24T10:17:50+00:00