Digitale Intelligenz – Warum die Generation Smartphone kein Problem, sondern unsere Rettung ist

//Digitale Intelligenz – Warum die Generation Smartphone kein Problem, sondern unsere Rettung ist

Die Journalistin und Autorin Verena Gonsch hat ein Buch herausgebracht, in dem sie den Ursachen der Angst vor der Digitalisierung in Deutschland auf den Grund geht. Auf die „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer gibt sie mit „Digitale Intelligenz“ eine fundierte Antwort. Sie macht deutlich, dass es uns keineswegs sorgen, sondern eher beruhigen sollte, wenn unsere Kinder sich mit digitalen Medien beschäftigen. Und sie zeigt auch, warum es so wichtig ist, dass Eltern und Pädagogen den Nachwuchs dabei begleiten.

Ein Gastbeitrag von Verena Gonsch

Stundenlange Computerspiele, teure Tablets in der Schule, hochprofessionelle Smartphones in Kinderhand. Für viele Eltern in Deutschland ist die Beschäftigung ihres Kindes mit der digitalen Welt ein rotes Tuch und Ursache handfester Streits am Familientisch. Da werden WLAN-Router ohne Vorankündigung vom Stromnetz genommen, Zeitschaltuhren eingebaut und Suchtberater kontaktiert. Elternabende ähneln in ihrer Vehemenz radikalen Stammtischrunden. Wer mit seinen Kindern Minecraft oder Pokémon Go spielt und keine stundenlangen Streifzüge in der Natur vorweisen kann, muss sich sogar verteidigen. In Mamablogs zerfleischen sich Mütter gegenseitig. Familienurlaube können an der Frage, ob der Urlaubsort vernetzt ist, scheitern. Kurz: Die digitale Welt ist eines der großen Streitthemen in heutigen Familien.

Ausgebremste Kinder

In den USA, in asiatischen Ländern, aber auch in vielen westeuropäischen Ländern, ist die Stimmung genau umgekehrt. Dort werden Computerspiele und digitale Lernsoftware als Chance gesehen, um Kinder und Jugendliche auf die Berufswelt von morgen vorzubereiten. Aber auch, um ihnen spielerisch die Welt zu erklären. Der Koordinator für die PISA-Studie in Deutschland, der OECD-Experte Andreas Schleicher, wirft den Deutschen deshalb auch eine „gewisse Technikfeindlichkeit“ vor. Hinzu kommt, dass die großen digitalen Erfolge derzeit woanders stattfinden: Die Sozialen Netzwerke dominieren Google, Facebook, Apple und Twitter, im E-Commerce ist es Amazon, die Pflegeroboter kommen aus Japan. Sind unsere Kinder vor diesem Hintergrund überhaupt zukunftsfähig? Bekommen sie die interessanten Jobs, oder sind ihnen im Studium nicht Kids anderer Länder weit voraus? Und warum entlassen viele Eltern aus der Mittelschicht, scheinbar liberal und weltoffen, ihre Kinder mit angezogener Handbremse in die Welt? Warum benehmen sie sich wie ihre vermeintlich spießigen Eltern in den 1970er- und 1980er-Jahren, rückwärtsgewandt und intolerant? In meinem Buch: „Digitale Intelligenz – Warum die Generation Smartphone kein Problem, sondern unsere Rettung ist“ gehe ich diesem Trend auf den Grund.

Tradition der Technikfeindlichkeit

Meine These: Unsere kulturellen Besonderheiten lassen uns die digitale Kindheit unserer Sprösslinge mit äußerst kritischen Augen sehen. Das liegt zum einen an unserer Tradition der Technikskepsis. Auf den ersten Blick ist das paradox. Wir sind Exportweltmeister und Maschinenbau-Experten. Trotzdem sind wir seit der Industrialisierung auch bekannt für unser Sicherheitsdenken und unsere German Angst. Schon zur Zeit der Eisenbahn gab es in Deutschland dicke Bücher über die möglichen Krankheiten, die das Bahnfahren auslösen kann. Ähnlich wie heute die Flugangst gab es damals das Krankheitsbild der Eisenbahnangst. Zu dieser Zeit wurde der TÜV gegründet. Der Vorteil: Im Gegensatz zu den USA war Deutschland damals dafür bekannt, dass sehr viel weniger Unfälle im Eisenbahnverkehr passierten. Eine ähnliche Entwicklung gab es bei der Entdeckung des Telefons. Während sogar Werner von Siemens von den „Dingelchen“ sprach und glaubte, dass das Telefon sich nicht verkauft, nutzten die Amerikaner es schon 1920 in vielen Haushalten. Erst 1970 setzte sich das Telefon in deutschen Haushalten durch.

Befrachtetes Elternsein

Auch das Elternsein ist in Deutschland viel befrachteter als in vielen anderen Ländern. Sie wollen alles richtig machen. Und das gilt auch für die Computerspiele. Geschichten über Computersucht und Amokläufe schrecken viele Eltern ab. Sie bekommen schnell Angst, dass ihre Kinder sozial abstürzen. Hinzu kommen die Mobbing-Fälle. Das Paradoxe ist aber, dass jede zweite Mutter und jeder zweite Vater gar nicht wissen, was ihre Kinder da eigentlich im Netz machen. Das zeigt zum Beispiel die Sinus-Jugendstudie (Calmbach et al. 2016). Und gerade diese Eltern haben am meisten Angst.

Das ist erstaunlicherweise gerade die Elterngeneration der 70er und 80er Jahre, die sich als liberal versteht. Sie verklären gerne ihre eigene Kindheit und Jugend, stellen es so dar, als wären sie nachmittags nur draußen gewesen bei Cowboy und Indianer-Spielen und Stockbrotgrillen. Natürlich ist es für diese Eltern auch schwer zu verstehen, was sich für ihre Kinder durch Ganztagsschule und Großstadtleben alles geändert hat. Auch dies spiegelt unsere kulturelle Tradition wieder: Den Begriff „Rabenmutter“ gibt es nur in Deutschland – gemeint ist eine Mutter, die sich nicht genug um ihr Kind kümmert. In französischsprachigen Ländern ist wiederum der Begriff der „Gluckenmutter“ verbreitet – das ist eine, die zu sehr klammert. Themen wie die biologische Baby-Kost und das lange Stillen waren wichtiger als der Ausbau der Kita-Plätze.

Kompromiss aus Sicherheitsbedenken und Entdeckergeist

Vielleicht ist auch durch kulturelle Prägungen zu erklären, warum die Digitalisierung es in der Bildungswelt so schwer hat. Die Schulen versuchen den Ängsten der Eltern und den Anforderungen der Politik gerecht zu werden und in den Verbänden herrscht doch oft noch das Ideal des Bildungsbürgertums. Ideal wäre es, wenn wir unsere Stärken verbinden könnten: Den kreativen Geist der Entdecker mit den sicherlich auch angebrachten Sicherheitsbedenken. Für die Schulen würde das bedeuten, dass Internet nicht immer Gefahr bedeutet, sondern auch Spaß und Kreativität. Das wünschen sich auch nach allen Jugendstudien vor allem die, die es angeht, die Generation Smartphone.

Über die Autorin

Verena Gonsch, geboren 1966, arbeitet als Redakteurin bei NDR Info und kümmert sich dort um gesellschaftspolitische Trends. Sie hat einen 15-jährigen Digital Native zuhause, und der programmiert ihr längst nicht mehr nur die Klingeltöne für ihr Smartphone, sondern führt sie in die Welt des Gaming ein. Als Europakorrespondentin in Brüssel hat sie jahrelang gemerkt, wie lässig andere Länder mit der digitalen Welt sind und wie kompliziert wir Deutschen da sind. Sie ist ausgebildet als systemischer Coach und outet sich auch bei Elternabend und Müttergesprächen gerne als streitbare Gamingexpertin. Als Medienprofi moderiert sie regelmäßig Radiosendungen und öffentliche Veranstaltungen.

Digitale Intelligenz von Verena Gonsch. Bastei Lübbe, 2017.

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2018-02-02T09:54:15+00:00