Diskussionsbeitrag von Özcan Mutlu

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Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen

In der ICILS-Studie wurde erstmalig der Frage nachgegangen, wie es um die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 8 bestellt ist. Die Studie zeigte in aller Deutlichkeit, dass das deutsche Bildungssystem nicht in der Lage ist, seine Achtklässerinnen und Achtklässler auf das digitale Zeitalter mehr als nur mittelmäßig vorzubereiten. Digitale Medien werden in Deutschland im Vergleich zu anderen teilnehmenden Staaten am wenigsten in den Unterricht integriert. Der Schock blieb aus, obwohl die Ergebnisse ähnlich desolat ausfielen wie die erste PISA-Studie im Jahr 2001. Dass Schülerinnen und Schüler den Umgang mit dem Computer hierzulande trotz Schule lernen – um den Leiter der ICILS-Studie, Wilfried Bos, zu zitieren – sagt viel aus und sollte nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Handeln anregen.

Mit Digitalkompetenz zu gesellschaftlicher Teilhabe

Abermals wird deutlich, dass die Chancenungerechtigkeit vor keinem Thema Halt macht, auch nicht im Bereich der Digitalen Bildung. Auch hier schreitet die digitale Spaltung der Gesellschaft voran und die digitale Schere öffnet sich immer weiter. Schülerinnen und Schüler aus sozioökonomisch benachteiligten Familien verlieren weiter den Anschluss. Deshalb ist es umso wichtiger, dass insbesondere Schulen die Lücke der Bildungsübervorteilung schließen. Medienbildung muss in allen Schulen als fächerübergreifende Schlüsselkompetenz vermittelt werden. Nur Menschen, die sich auch in diesem Bereich frei, sicher und selbstbestimmt bewegen können, sind in der Lage, an der Gesellschaft teilzuhaben. Dies sollte ein elementares Ziel aller Bildungseinrichtungen in Deutschland sein.

„Digital Natives“ auf der analogen Insel

Spätestens seit dem dotcom-Boom zu Beginn des zweiten Millenniums hat sich unsere Gesellschaft grundsätzlich verändert. Die Internetrevolution ist allumfassend. Ein Blick auf das eigene Smartphone reicht als Bestätigung. Wir führen aber immer noch Diskussionen darüber, ob die Schule digitalisiert werden sollte. Wie kann es sein, dass die Schule eine analoge Insel in einem digitalen Ozean ist, wenn längst die ersten Generationen der „Digital Natives“ Einzug hielten? Das mag für den Moment romantisch erscheinen, entspricht aber nicht den Anforderungen, die die Globalisierung an zukünftige Weltbürgerinnen und -bürger sowie Fachkräfte stellt.

Finanzielle Unterstützung durch den Bund

Digitale Bildung benötigt Geld. Geld, das nicht alle Bundesländer selbstständig aufbringen können. Wieder werden Schülerinnen und Schüler Opfer der einzelnen Landeshaushalte und das führt sogar zur Verstärkung der Chancenungleichheit. Darum muss der Bund eingreifen, um ein Gleichgewicht herzustellen und die Investition in die Digitale Bildung für alle zu sichern. Nicht zuletzt kommen diese Maßnahmen der Wirtschaft zugute. Deshalb ist eine Aufhebung des Kooperationsverbots unumgänglich, nur so kann Deutschland zukunftsfit werden und auf internationaler Ebene konkurrieren.

Unterricht wird individueller, inklusiver und integrativer

„Industrie 4.0“, „Digitale Technologien“ oder „Digitale Agenda“ – alle diese Schlagwörter verkommen zu Floskeln, wenn junge Menschen nicht über entsprechende Kompetenzen verfügen und diese in den Bildungseinrichtungen nicht konsequent gelehrt und gelernt werden. Digitale Bildung ist eben mehr als die Ausstattung von Schulen mit Whiteboards, Laptops und ähnlichem. Keiner kann bestreiten, dass eine grundsätzlich digitalisierte Schule, in der Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Räumlichkeiten und die Infrastruktur inbegriffen sind, ganz andere Förderungsmöglichkeiten bietet – sowohl bei den Schülerinnen und Schülern mit Nachholbedarf als auch in der Exzellenzförderung. Ebenso können wir mithilfe von digitalisierten Lern- und Lehrkonzepten flexibel und dynamisch mit neuen Situationen umgehen, zum Beispiel auch bei der enorm wichtigen Integration von Flüchtlingen in das Bildungssystem. Die Digitalisierung dient als Multiplikator für die Lehrkräfte und ist auch eine Chance für die inklusive Bildung. Es ermöglicht einen differenzierten, inkludierten Unterricht in einer gemeinsamen Klasse.

Lebenslanges digitales Lernen nach Humboldt

Wir reden bei der digitalen Schule nicht von dem passiven, oberflächlichen Konsumieren von Facebook, WhatsApp und Co oder verweilen in Social Media-Welten. Wir reden von Bildungsinstitutionen, die Menschen hervorbringen, die als mündige Akteure – mit verbindlichen festgelegten Regeln für Datenschutz und Urheberrechte – die digitale Zukunft kreativ mitgestalten. Bildung im oftmals zitierten humboldtschen Sinne bedeutet nämlich: „Die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen.“ Dieses Bildungsprinzip findet durch die Digitalisierung des gesamten menschlichen Wissens seine vollkommene Ausprägung. Wir müssen lediglich das Knowhow vermitteln, das ein lebenslanges Lernen voraussetzt, um aus diesem Füllhorn der Möglichkeiten zu schöpfen. Diese Chance dürfen wir uns nicht entgehen lassen.

Neue Einblicke in die Industrie

Genauso wie das Internet viele Kommunikationslücken in unserer Gesellschaft geschlossen hat, können wir durch die Digitalisierung auch den Schulterschluss zwischen Schule und Industrie bewerkstelligen. Durch diese Vernetzung eröffnen sich ganz andere Kommunikationskanäle. Die Industrie kann etwa digitale Praktika und AGs in den Schulen anbieten. Durch solche Praktika können sich Unternehmen digital in den Unterricht einbringen und Schülerinnen und Schüler frühzeitig herausfinden, ob ihre Neigungen und Fähigkeiten ihren Berufswünschen entsprechen. Andere wichtige Themen sind das im Unterricht angeleitete Verstehen von aktuellen technologischen Grundlagen wie das „Internet der Dinge“ und cyber-physischen Systemen mithilfe von Expertinnen und Experten aus Industrie und Wirtschaft. Es gibt keine starren Strukturen mehr, die Unterrichtsinhalte werden durch digitale Medien in den Unterricht vollumfänglich integriert.

Bildungsrevolution unumgänglich

Der Paradigmenwechsel der Industrie 4.0 kann nur mit einem Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik einhergehen. Das kann nicht verordnet werden, ein Umdenken muss aus der Gesellschaft heraus entstehen. Ein grundlegender Schritt ist die Digitalisierung des Bildungssystems und die Befähigung des pädagogischen Personals für diese bildungspolitische Revolution. Industrie 4.0 basiert auf Menschen, die ein elementares und tiefgreifendes Wissen über und für die vernetzte Welt haben, in der wir alle schon heute leben. Ohne Bildung 4.0 keine Industrie 4.0. Frei nach J. F. Kennedy lässt sich festhalten: „Es gibt auf Dauer nur eins, was teurer ist als digitale Bildung: keine digitale Bildung.“

Özcan Mutlu im Online-Talk vom 2. Dezember

Geld spielt eine Rolle. Was brauchen Schulen, um Digitale Bildung zu finanzieren?
Die Diskussion vom 2. Dezember 2015 können Sie hier ansehen.

2017-03-02T10:19:05+00:00

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