Wie die Digitalisierung Ausbildungen verändert

///Wie die Digitalisierung Ausbildungen verändert

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt rasant. An den Wandel müssen auch die betriebliche Ausbildung und die Lehrpläne der Berufsschulen angepasst werden.

Die erste industrielle Revolution brachte die Dampfmaschine, die zweite die Elektrizität, die dritte den Computer. Nun nähert sich die vierte Revolution mit großen Schritten. In ihrem Mittelpunkt steht die vernetzte Fabrik im ständigen Kontakt mit Maschinen und Waren. Die traditionelle Massenproduktion wird zum Auslaufmodell. An ihre Stelle treten individualisierte Güter in kleinen, flexiblen Stückzahlen. Wie schon Dampfmaschine, Elektrizität und Computer zuvor stellt auch die Digitalisierung die Berufswelt gehörig auf den Kopf. Künftige Fachkräfte darauf vorzubereiten, ist eine wichtige Herausforderung für die Zukunft. „Im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Arbeitswelt und ihren Konsequenzen für die Berufsbildung brauchen wir eher zusätzliches Wissen, als dass Wissen wegrationalisiert wird“, erklärt Michael Härtel, Leiter des Arbeitsbereichs „Digitale Medien, Fernlernen, Bildungspersonal“ beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Die Digitalisierung verändert bereits erste Berufsbilder

Schon heute sind die Veränderungen in vielen Ausbildungsberufen spürbar. Ein Elektroniker greift im Alltag mindestens genauso oft zum iPad wie zum Lötkolben. Informatikerinnen und Informatiker brauchen ein Gespür für industrielle Abläufe. Unlängst hat der Autohersteller Audi deshalb die Ausbildung zum „Fachinformatiker/in für Systemintegration“ um eine Weiterbildung zur Elektrofachkraft erweitert. „Statt sich im Büro um die Soft- und Hardware zu kümmern, können unsere Informatiker nun auch in der vernetzten Produktion arbeiten“, erklärt Wolfgang Straube, Leiter der Aus- und Weiterbildung Fertigungsprozesstechnik und Projektleiter „Mobile Learning“ bei Audi.

Auch auf andere Ausbildungsgänge wird sich die fortschreitende Digitalisierung auswirken. Mechatroniker und Elektroniker müssen sich neuen Anforderungen hinsichtlich IT-Vernetzung und Datenmanagement stellen. Doch nicht nur Industrie-Berufe befinden sich im Umbruch. So muss ein Tischler heute auch mit einer computergesteuerten CNC-Holzsäge umgehen können. Malerinnen und Lackierer nutzen heute digitale Anwendungen, um Farben zu mischen. Und in der Einzelhandelsausbildung gewinnt das Thema E-Commerce zunehmend an Bedeutung. Doch das ist erst der Anfang.

Weniger monotone Arbeit, mehr Prozessmanagement

In Zukunft erledigen zunehmend Maschinen die eigentliche Arbeit in der Produktion. So wird bis 2018 die Zahl der Industrieroboter weltweit auf 1,3 Millionen anwachsen, schätzt die International Federation of Robotics (IFR). Die nächste Generation der Facharbeiterinnen und Facharbeiter wird den Einsatz von Industrierobotern und smarten Fabrikstraßen koordinieren, ihre Echtzeitdaten auswerten und sich um auftretende IT-Probleme kümmern. Die Ausbildungsgänge müssen für diese neuen Aufgaben deutlich interdisziplinärer und komplexer angelegt sein. Kompetenzen wie Prozessmanagement und IT-Kenntnisse gewinnen zunehmend an Bedeutung, genau wie neue Methoden des digitalen Lernens, Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und systemisches Denken.

Die Notwendigkeit einer Anpassung der betrieblichen Ausbildung hat sich inzwischen auch in der Wirtschaft herumgesprochen. Laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom sind drei Viertel der Unternehmen in Deutschland der Überzeugung, dass der zunehmende Einsatz digitaler Technologien auch eine inhaltliche Anpassung der Ausbildungsberufe erfordert. Jeder vierte Entscheider glaubt außerdem, dass in Folge der Digitalisierung völlig neue Ausbildungsberufe eingeführt werden müssen. Passend dazu werden am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) gerade die Inhalte der bestehenden vier IT-Ausbildungen grundlegend überarbeitet. Wie eine erste digitale Weiterentwicklung der Lehre im Unternehmen aussehen kann, zeigt das Beispiel von Audi.

Mit dem iPad in der Werkshalle

Der Autohersteller setzte im letzten Jahr ein Konzept zum mobilen und digitalen Lernen in 16 Berufen um. Audi will damit nach eigenen Angaben neben Eigenverantwortung und Kreativität vor allem die IT- und Medienkompetenzen der jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen. Dafür arbeiten die Nachwuchskräfte zum Beispiel mit eigenen Tablets. Darauf stehen ihnen sämtliche Lehrmaterialien als eBooks zu Verfügung. Zusätzlich wurden crossmediale Lerninhalte geschaffen, die die Auszubildenden alleine oder in Gruppen bearbeiten können. Bei einer Lerneinheit zur „Hochvolttechnik“ beantworten sie zum Beispiel Quizfragen auf ihren Tablet-PCs, bauen in der Werkstatt ganz analog Schaltkreise auf und prüfen mit einem Messgerät die Funktionen am Auto. Außerdem sollen die Azubis selbst Lerninhalte wie kurze Erklärvideos für die Maschinen gestalten und sich so intensiv mit den Ausbildungsinhalten auseinandersetzen.

Autohersteller Audi setzt in der Ausbildung der Industrieberufe auf mobiles Lernen.

Autohersteller Audi setzt in der Ausbildung der Industrieberufe auf mobiles Lernen.

„Mit dem mobilen Lernen bereiten wir unsere Auszubildenden auf die Arbeitswelt von morgen vor und geben ihnen die Möglichkeit, ihre Kompetenzen selbstständig und flexibel zu erweitern“, sagt Audi-Projektleiter Straube. Die ersten Erfahrungen mit der digitalen Ausbildung sind so positiv, dass die Berufsausbildung 2.0 nach Ingolstadt und Neckarsulm auch in Brüssel und in der ungarischen Stadt Győr eingeführt wurde. Bis Mitte 2017 sollen außerdem 200 neue Lerneinheiten für Tablet-PCs entstehen, die bewährte Lernmethoden in der Ausbildung ergänzen.

Digitale Ausbildung ist bisher die Ausnahme

Mit diesem digitalen Engagement ist der Autohersteller noch eher die Ausnahme. In vielen Betrieben fehlt es an qualifizierten Ausbildern und einer guten Ausstattung für die Themen der digitalen Arbeitswelt. Auch an den meisten Berufsschulen halten die Neuerungen nur langsam Einzug. Dort werden Smartphones und Tablets eher verboten als sinnvoll genutzt. Die Folge: Viele Azubis können zwar sicher mit digitalen Medien wie Snapchat oder YouTube umgehen. Bei Fragen zu Datenschutz, IT-Sicherheit und grundlegenden Themen beruflicher Tätigkeiten wie der Formulierung von Geschäftsbriefen, Tabellenkalkulationen oder Präsentationen sind sie zu Ausbildungsbeginn oft unbedarft. „Es gibt sensationelle Einzelbeispiele vom Einsatz digitaler Medien in Berufsschulen und Betrieben, doch flächendeckend ist das noch keine Realität“, erklärt Härtel. Trotzdem ist der BIBB-Experte optimistisch. Das Problem der mit dem Einsatz digitaler Medien verbundenen und vielfältig zu berücksichtigenden Rahmenbedingungen sei erkannt, jetzt gehe es vielerorts an die Umsetzung.

Zusammengefasst: unsere 5 Linktipps zum Thema

  • Bitkom-Studie zur Veränderung von Ausbildungsberufen durch die Digitalisierung
  • BIBB-Themenüberblick zur Digitalisierung der Arbeitswelt
  • Dieser FAZ-Artikel zeigt, wie die Industrie 4.0 Einzug in die Berufsschule hält
  • Der Mittelständler Festo bereitet seine Azubis auf die vernetzte Fabrik der Zukunft vor
  • Studie des Verbandes bayerischer Metall- und Elektro-Arbeitgeber über die Auswirkungen der Industrie 4.0 auf die Aus- und Weiterbildung
2017-03-02T10:19:03+00:00