Aufbruchstimmung oder bleierne Zeit – Momentaufnahmen Digitaler Bildung in Deutschland

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  • Verena Gonsch

Die Journalistin und Autorin Verena Gonsch hat bei verschiedenen Veranstaltungen zum Thema Digitale Bildung Stimmungen eingefangen. Sie beobachtet Aufbruchstimmung und Ernüchterung und zeigt auf, dass Deutschland beim Thema Digitale Bildung immer noch tief gespalten ist.

Ein Gastbeitrag von Verena Gonsch

Gütersloh im Juni. Auftaktveranstaltung des Projektes #Schule Digitale Bildung. Über 200 Interessierte sind gekommen. 122 Schulen können sich für Gelder vom Kreis, der Bertelsmann und der Mohn-Stiftung bewerben. Am Anfang gibt es ein Stimmungsbild über das, was fehlt:“Ausstattung“ steht da dick und fett in der Wort-Cloud gefolgt von „Fortbildung“.

Die Podiumsdiskussion mit den Jugendlichen macht es noch plastischer: Ein Berufsschüler aus der 10. Klasse klagt über einen Computerraum, bei dem man noch nicht mal ins Netz kommt, weil das WLAN nicht trägt. Von gesperrten Internet-Seiten ist die Rede und von Präsentationen, die dann doch nach der Schule zuhause gemacht werden müssen. Und es gibt auch das Gegenmodell. Der 13-jährige Constantin von einer ausgewiesenen Tablet-Schule sorgt für Lacher, als er auf die Frage, ob er sein Smartphone in der Schule vermisst, verschmitzt sagt: „Ne, ich hab ja den ganzen Tag meinen Laptop“. Der Bildungshintergrund eines Schülers scheint mittlerweile fast so sehr über seine Zukunftschancen zu entscheiden wie sein Zugang zu digitalen Medien. Bei dem Kongress herrscht Aufbruchstimmung, viele Lehrer schulen sich in Workshops vor Ort und fachsimpeln über neue Apps. In der Schlussrunde seufzt einer allerdings laut auf: „Das war jetzt wieder ein toller Tag. Und morgen holt uns wieder der Technik-Frust ein: Kabelsalat und abgestürzte Computer.“

Alle warten auf die Zusage des Bildungspakts

Die Schulforscherin Prof. Birgit Eickelmann von der Uni Paderborn will von Aufbruchstimmung denn auch noch nichts wissen: Sie stellt derzeit eher eine bleierne Digital-Zeit an den Schulen fest. Alle warten auf die Zusage des Bildungspakts. Und wollen erst wissen, mit was sie rechnen können, bevor sie Lehrkräfte schulen und Hardware kaufen. Allerdings gibt es auch Lichtblicke: Eickelmann hat den neuen Lehrplan für die Schulen in NRW mit entwickelt. Dort geht es jetzt los: Algorithmen und Datenbanken sind Bestandteil der Grundkenntnisse. Aber auch Datenschutz, Digitale Werkzeuge und Mediennutzung. Dabei müssen wir – so Prof. Eickelmann – vor allem einen Fehler vermeiden: Es geht nicht um die Digitalisierung des Analogen. Also nicht darum, das Buch ab jetzt im Tablet zu lesen. Es geht vor allem darum, mehr in der Cloud zu lernen und von den anderen zu profitieren. Beispiel: Schreiben eines Textes: der Text wird eben nicht nur im Tablet geschrieben und Videos und Bilder eingebaut. Sondern der Text steht allen in der Cloud zur Verfügung und alle geben sich immer wieder Feedback. Dadurch entstehen neue Lernprozesse. Ein langer Weg!

Leuchtturmprojekte hängen meist an einem Lehrer

Ortswechsel: Erster Digital Summit für Lehrkräfte der Körber-Stiftung in Hamburg im Februar. Auch dort über 200 Lehrkräfte. Die Bude ist voll. Die Begeisterung und die Geschichten ähneln sich. Leuchtturmprojekte gibt es, die viel Ah und Oh ernten. Aber sie hängen meist an einem Lehrer, einer Lehrerin. Oft nicht der engagierte 30-jährige Allrounder, sondern der berufserfahrene Informatiklehrer, der nebenbei noch Systemadministrator ist und dafür keine müde Mark sieht. Ernüchternd auch die Erkenntnisse von Prof. Christoph Igel von der Deutschen Forschungsstelle für Künstliche Intelligenz: Digitale Medien finden in der Ausbildung von Lehramtsstudierenden immer noch kaum statt. Immerhin können sich die 25-jährigen noch vorstellen, Tablets und Apps im Unterricht einzusetzen. Kaum sind sie an der Schule angekommen, sinkt diese Bereitschaft angesichts von fehlenden WLAN-Kapazitäten und sonstigen Anforderungen massiv. Zwei Jahre, nachdem sie den Job angefangen haben, tendiert sie sogar gegen Null.

Ein Zeichen von vielen, dass Deutschland beim Thema Digitale Bildung immer noch tief gespalten ist: Und zum Schluss noch eine Erfahrung von einer Veranstaltung der PH Heidelberg für angehende Lehrkräfte ebenfalls im Juni. Es gibt sie tatsächlich noch, die Dinosaurier, die auch im Jahr 2018 die „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer vor sich hertragen. Ich traf sie in Gestalt von Cord Santelmann vom Philologenverband Baden-Württemberg. Er verglich die Digitalisierung mit der Asbest-Gefahr oder den Risiken der Kernenergie. Nicht alles, was machbar sei, sei gut. Er verkörpert genau die Beharrungskräfte, die dem digitalen Aufbruch in den Klassenzimmern im Weg stehen. Oder wie es Christian Schlöndorf vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätssicherung nach der Veranstaltung zur Digitalen Bildung der Kultusministerkonferenz in Hamburg im Juni so schön auf Twitter schreibt: „Generelle Unsicherheitsvermeidungsstrategien und egozentrische Selbstverwirklichungsbedürfnisse der Akteure verhindern den erforderlichen Paradigmenwechsel und Kulturwandel wenn es um Bildung und Digitalisierung geht.“ Armes Deutschland!

Über die Autorin

Verena Gonsch, geboren 1966, arbeitet als Redakteurin bei NDR Info und kümmert sich dort um gesellschaftspolitische Trends. Sie hat einen 15-jährigen Digital Native zuhause, und der programmiert ihr längst nicht mehr nur die Klingeltöne für ihr Smartphone, sondern führt sie in die Welt des Gaming ein. Als Europakorrespondentin in Brüssel hat sie jahrelang gemerkt, wie lässig andere Länder mit der digitalen Welt sind und wie kompliziert wir Deutschen da sind. Sie ist ausgebildet als systemischer Coach und outet sich auch bei Elternabend und Müttergesprächen gerne als streitbare Gamingexpertin. Als Medienprofi moderiert sie regelmäßig Radiosendungen und öffentliche Veranstaltungen.

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2018-07-24T15:42:57+00:00