„Möglichst nur noch Texte, die auf eine Seite passen“

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  • Verena Gonsch

Wie sieht es mit der vielbeschworenen digitalen Kompetenz der Kinder und Jugendlichen aus? Journalistin und Autorin Verena Gonsch beschreibt in ihrem Gastbeitrag, wie sich Schülerinnen und Schüler durch die Digitalisierung verändert haben.

Die Frankfurter Buchmesse im Oktober 2018. Bei der Bildungskonferenz im Congress Center wird über das Lesen diskutiert. Die Lehrkräfte haben Angst, dass ihre Schüler nicht mehr lesen: Eine Englischlehrerin beklagt, dass sie keine dicken Schmöker im Unterricht durchnehmen kann. Denn: „Mehr als 100 Seiten schafft die 12. Klasse nicht mehr.“ Auch ein Politiklehrer kann das bestätigen: „Möglichst nur noch Texte, die auf eine Seite passen. Für alles andere fehlt die Aufmerksamkeit.“ Ein Vater von zwei 16- und 18-jährigen Söhnen sorgt sich um die Bildung seiner Kinder: „Mein jüngerer Sohn liest nie. Wird er dieses Gefühl, in ein Buch einzutauchen, nie kennenlernen? Und was löst das bei ihm aus? Was wird ihm später fehlen?“

„Flow“ beim Lesen entgeht den Digital Natives

Lesen war für die Generation der Babyboomer oft neben dem Fernsehen die einzige mediale Beschäftigung. Viele kennen noch die wöchentlichen Besuche in der Stadtbücherei und das stundenlange Eintauchen in die spannende Lektüre. Die Wochenenden der Digital Natives sehen heute anders aus: Sie können sich vor Anregungen nicht retten. An die Stelle des Fantasy-Schmökers ist oft das stundenlange Netflix-Streamen getreten – oder das Konsumieren von Hörbuch und Podcast, was das gleichzeitige Scannen von WhatsApp-Nachrichten und Instagram-Einträgen erlaubt. Die meisten Jugendlichen sind parallel auf mehreren Plattformen unterwegs. Aber gilt das nur für die Schülerinnen und Schüler?

Aufmerksamkeitsspanne sinkt, visuelle Kompetenzen steigen

Bildungsredakteur Armin Himmelrath von Spiegel Online kann diese Beobachtung bestätigen. Allerdings gilt sie seiner Erfahrung nach nicht nur für die Kinder und Jugendlichen, sondern für große Teile der Bevölkerung. Die Redaktion von Spiegel Online hat festgestellt, dass die Leserinnen und Leser ab einer bestimmten Länge der Artikel das Interesse verlieren. Es gibt einfach zu viele andere spannende Dinge, die man in seiner Medienzeit erfahren möchte. Und das gilt auch für die Ü30. Eine US-amerikanische Langzeitstudie hat über einen Zeitraum von 20 Jahren untersucht, wie sich junge Menschen zwischen Jugend und jungem Erwachsensein durch digitale Medien verändern. Ihr Fazit: Die visuellen Kompetenzen nehmen stark zu. Die Fähigkeiten, längere Geschichten in einem Stück zu erzählen, nehmen ab.

Die Digitalisierung verändert unsere Wahrnehmung, unsere Aufmerksamkeit und unseren Umgang mit Medien, Texten und Büchern. Soviel ist klar. Ein Zurück wird es nicht geben. Aber bricht die Welt wirklich zusammen, wenn 500-Seiten-Wälzer nur noch ihr spezielles Publikum finden und Jugendliche lieber Videos streamen als lesen?

Die Debatten auf der Buchmesse machen klar, dass vor allem die Ü50 darin ein Problem sehen. Eine 26-jährige Lehrerin regt an, die Lebenswelt der Schüler öfter in den Unterricht einzubauen: „Es gibt so viele tolle Storys auf Instagram über Nachhaltigkeit. Warum soll man sich die nicht gemeinsam anschauen, wenn es um das Thema Ökologie geht? Ich merke bei meinen älteren Kollegen viel Ablehnung gegen das, womit die Kinder sich in ihrer Freizeit beschäftigen.“ Ein Kölner Religionslehrer baut regelmäßig Twittermeldungen in seinen Unterricht ein und übt dadurch mit den Kindern, sich kurz zu fassen.

Präsentations- und Teamfähigkeit nimmt zu

Konsens ist jedenfalls, dass die Präsentations-und Teamfähigkeiten der Kinder zugenommen haben. Daran dürfte die Abkehr vom Frontalunterricht einen großen Anteil haben. Heute halten Schüler schon in der Grundschulzeit ihre ersten kleinen Vorträge. Später dann können sie Klausuren durch Präsentationsleistungen ersetzen. Außerdem hat der Gruppenunterricht das soziale Miteinander verbessert.

Aber welchen Anteil hat daran die Digitalisierung? Die sozialen Netzwerke bringen die Kinder und Jugendlichen dazu, sich selbst darzustellen. Das ist zwar nicht jedermanns Sache, und nicht alle machen mit. Doch viele bauen dadurch bereits in der Jugendzeit Kontakte auf, auf die sie später im Studium zurückgreifen können. Viele Arbeitgeber erwarten diese digitale Vernetzung sogar: Als eine Unternehmensberatung Nachwuchskräfte suchte, gaben sie den Bewerbern eine ganze Fülle an Aufgaben, die sie in zwei Stunden bewältigen sollten. Die, die sich in ihr Kämmerlein zurückzogen und die Aufgaben alleine schaffen wollten, scheiterten. Weiter kamen diejenigen, die die Aufgaben mit ihrer Community teilten.

Fake News erkennen und Quellen recherchieren

Wie sieht es mit der vielbeschworenen digitalen Kompetenz der Kinder und Jugendlichen aus? Am Smartphone und mit dem Joystick sind sie sicherlich schneller als ihre Eltern. Aber können sie wirklich besser als frühere Generationen Fake News erkennen und ein Quellenstudium betreiben? Einige sind dazu sicherlich in der Lage, wozu unter anderem der debattenorientierte Unterricht beiträgt. Heute gibt der Lehrer nicht mehr wie in den 70ern und 80ern einen Text vor, über den dann in der Klasse diskutiert wird. Stattdessen haben die Schülerinnen und Schüler viel mehr Möglichkeiten, eigenständig ins Internet zu gehen und sich über ein Thema zu informieren – ob sie das dann immer auch tun, ist eine andere Frage.

Ein Teil der Schüler jedoch ist bei dieser Quellenrecherche abgehängt. Das jedenfalls ergab die internationale ICILS-Studie von 2013. Ein Drittel der deutschen Achtklässler war vor einigen Jahren tatsächlich nicht in der Lage, eine vorgegebene Website zu finden und im Netz einfachste Informationen zu recherchieren. Im November 2019 kommt die Anschlussstudie heraus. Dann wird sich zeigen, ob Deutschland inzwischen aus dem unteren Mittelfeld aufgestiegen ist.

Klar ist aber: Wenn die Fähigkeit der kritischen Quellenrecherche nur den Kindern vorbehalten ist, die zuhause unterstützt werden, klafft eine neue soziale Lücke. Bildungsgerechtigkeit bedeutet heutzutage eben auch, dass die Schule die Kinder mit der notwendigen digitalen Kompetenz versorgt.

Über die Autorin

Verena Gonsch, geboren 1966, arbeitet als Redakteurin bei NDR Info und kümmert sich dort um gesellschaftspolitische Trends. Sie hat einen 15-jährigen Digital Native zuhause, und der programmiert ihr längst nicht mehr nur die Klingeltöne für ihr Smartphone, sondern führt sie in die Welt des Gaming ein. Als Europakorrespondentin in Brüssel hat sie jahrelang gemerkt, wie lässig andere Länder mit der digitalen Welt sind und wie kompliziert wir Deutschen da sind. Sie ist ausgebildet als systemischer Coach und outet sich auch bei Elternabend und Müttergesprächen gerne als streitbare Gamingexpertin. Als Medienprofi moderiert sie regelmäßig Radiosendungen und öffentliche Veranstaltungen.

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2018-11-02T09:24:47+00:00