Wie digitales Lernen gelingt, ohne zu überfordern

///Wie digitales Lernen gelingt, ohne zu überfordern

Genau wie die Arbeit selbst wird auch das Lernen zeitlich flexibler, dezentraler und selbständiger. Um ihre Belegschaft bei diesem Wandel mitzunehmen, ergreifen immer mehr Unternehmen gezielte Maßnahmen.

Die Anforderungen an Fähigkeiten, Kompetenzen und Wissen von Mitarbeitern haben sich durch den digitalen Wandel stark verändert. Dass Angestellte heute ganz selbstverständlich in virtuellen Teams standortübergreifend arbeiten, ist nur ein Beispiel für diesen massiven Umbruch. Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) unter 1.400 Personalleitern und Geschäftsführern zeigt, dass zwei Drittel der stark digitalisierten Unternehmen in Deutschland von einem Großteil ihrer Belegschaft künftig IT-Fachwissen wie etwa Programmierkenntnisse erwarten. Unter den Betrieben, die sich bislang eher zurückhaltender mit Digitalisierung auseinandersetzen, sind es 43 bis 50 Prozent.

Noch stärker eingefordert werden zukünftig Online-Kompetenzen wie die Internetnutzung für berufliche Zwecke: Drei Viertel der stark digitalisierten Unternehmen erwarten diese Kompetenzen in den kommenden drei bis acht Jahren von ihren Angestellten. Bei den weniger digitalisierten Betrieben fordert über die Hälfte zukünftig mehr Online-Kompetenzen.

Grafik: Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Soziale Kompetenzen werden noch wichtiger

„Klar ist: Wer sich in einem digitalen Arbeitsumfeld bewegt, muss mit der entsprechenden Technik umgehen können. Das reicht aber noch nicht, denn das Internet macht die Arbeit zeitlich flexibler, dezentraler und selbständiger“, kommentiert IW-Arbeitsmarktexperte Oliver Stettes die Ergebnisse der Studie. Neue Formen der Zusammenarbeit machen Kompetenzen wie Organisationsfähigkeit und Selbstmanagement zukünftig noch wichtiger.

Dass der digitale Wandel nicht nur Akademiker in Wissensberufen betrifft, erlebt jeder im eigenen Alltag – zum Beispiel dann, wenn der Mechatroniker zur Autoreparatur einen Laptop aber kaum Werkzeug nutzt. Weitere Beispiele für einen bereits heute hohen Stellenwert der Digitalisierung im Handwerk:

  • Stuckateure arbeiten mit 3D-Druckern,
  • Maurer mauern komplexe Muster mit Hilfe von Software,
  • Logistiker benutzen Tablet statt Klemmbrett.

Neue Arbeitsschritte müssen Akademiker ebenso wie Nichtakademiker erlernen. Denn auch wenn sie in ihrer Freizeit bereits souverän mit Smartphone und Co. umgehen, gibt es häufig Unterschiede zur beruflichen Anwendung, etwa beim Datenschutz. Mehr als acht von zehn stark digitalisierten Unternehmen (82,2 Prozent) wünschen sich nach Angaben der IW-Studie, dass bereits Schulen und Universitäten mehr Computerkenntnisse vermitteln und Medienkompetenzen für einen verantwortungsbewussten beruflichen Umgang mit dem Internet stärken. Unter den Unternehmen, die sich bislang zurückhaltender mit dem Thema Digitalisierung befassen, sind es sechs bis sieben von zehn Betrieben. Auch Arbeitgeber selbst ergreifen Maßnahmen zur Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, etwa durch Coachings oder Wissenstransfersysteme. Jedes zweite der stark digitalisierten Unternehmen ist in dieser Hinsicht aktiv, unter den weniger digitalisierten Unternehmen jedes vierte.

Digitales Lernen als Teil des digitalen Arbeitens

„Digitales Lernen ist eine Facette des digitalen Arbeitens” lautet die erste von zehn Thesen zur Digitalisierung des Lernens im Unternehmen, die Bildungsberater Thomas Tillmann aufgestellt hat. Die Digitalisierung werde im gleichen Maße das Lernen radikal verändern, wie sie andere Aspekte der Arbeit bereits grundlegend transformiert habe, so der Strategieberater. Mitarbeiter lernen ortsunabhängig und zeitlich flexibel, weil es digital möglich ist. Ihre Kursmaterialien können sie jederzeit online abrufen und sich im Anschluss an Kursstunden weiter mit mitlernenden Kolleginnen und Kollegen austauschen. Man lernt zum Beispiel durch Mikrolerneinheiten im Videoformat, Onlineforen oder standortübergreifende Webinare, die sich flexibel in den Arbeitsalltag einbinden lassen.

Solche Angebote können diejenigen schnell überfordern, bei denen digitale Kompetenzen in Schule, Ausbildung und Universität nicht auf dem Lehrplan standen und die ihr gesamtes Berufsleben lang in Präsenzkursen gelernt haben. Tillmann sieht dabei keine technische Herausforderung, sondern eine notwendige Haltungsänderung bei Angestellten. „Noch stärker als bei traditionellen Lernformaten wird aber der Erfolg digitaler Lernangebote von der Motivation, Verantwortung und Fähigkeit jedes einzelnen Mitarbeiters abhängen, das eigene Lernen in die Hand zu nehmen, sich Lernziele zu setzen und das eigene Lernen zu steuern”, schreibt er.

Raum zum Ausprobieren und Lernen

Unternehmen können dazu beitragen, die dafür notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, wenn sie für einen leichten und technisch stabilen Zugang zu digitalen Lernangeboten sorgen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihren Fragen nicht allein lassen. Arbeitgeber können digitales Lernen fördern, indem Führungskräfte neue Lernmethoden vorleben und so zu ihrem Multiplikator werden. Sie können zum Beispiel in einem Videostatement ihre Lieblingsanwendungen zeigen oder zusammen mit Mitarbeitern an regulären Schulungen teilnehmen. Kasper Rorsted, Vorstandschef von Henkel, hat gegenüber der FAZ beschrieben, wie der Konsumgüterhersteller Online-Kompetenz in Fortbildungsmaßnahmen fördert: „Wir sind davon überzeugt, dass der digitale Wandel nur von allen Mitarbeitern getragen und vorangetrieben werden kann, und stärken daher die Digitalkompetenz unserer Belegschaft durch Workshops, Coaching und Fortbildung, aber auch indem wir in Pilotprojekten und -initiativen Raum zum Ausprobieren und Lernen bieten“, so Rorsted.

Beispiele für neues Lernen im Unternehmen

  • DB Training Next Education: Das Programm des Bildungsdienstleisters der Deutschen Bahn geht auf die Veränderungen bei Lernbedürfnissen der Mitarbeiter ein. Der Fokus liegt auf handlungsorientierten Maßnahmen und selbstgesteuertem Lernen mittels neuer Medien. Das Unternehmen wird zum Begleiter von Lernprozessen mittels Lernberatung, Coaching und Mentoring sowie zum Partner der Führungskräfte in ihrer Rolle als Entwicklungspartner der Mitarbeiter.
  • Programm ProFIT (Professional Festo Industry Segment Training) bei Festo: Der Dienstleister für Automatisierungstechnik setzt zur Ausbildung von Vertriebsingenieuren auf informelles Lernen, unter anderem mit Erklärvideos und einem Social Intranet.
  • Virtuelles Training bei Opel: Der Autobauer nutzt für die Weiterbildung seiner Techniker virtuelle Welten. Beim „Virtual Simulation and Training of Assembly and Service Processes in Digital Factories“ (VISTRA) trainieren die Mitarbeiter neue Montageaufgaben mit Hilfe eines Wii-Controllers und einer Kinect-Kamera, die Bewegungen aufzeichnet. Auf einer Leinwand werden dafür alle Werkzeuge und Bauteile dargestellt. Mit dem Controller wählt der Mitarbeiter die Bauteile aus und bringt sie durch spezielle Handbewegungen an die richtige Stelle. Die Aufgabe ist abgeschlossen, wenn alles korrekt an Ort und Stelle sitzt. Wie in Computerspielen gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade.
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Tipps, um digitales Lernen zu fördern

Mit den folgenden Tipps lässt sich digitales Lernen auch bei kleinerem Budget im Unternehmen fördern:

  • Führungskräfte schulen und zu Multiplikatoren machen.
  • Digitales Lernen nach und nach im Unternehmen integrieren, zum Beispiel im ersten Schritt als digitale Erweiterung der Präsenzkurse.
  • Klar kommunizieren, dass es Freiraum für digitales Lernen gibt.
  • Mitarbeiter mit Anreizen zum Ausprobieren motivieren, zum Beispiel über ein Gewinnspiel für Lernende.
  • Mentorenprogramme und Netzwerke schaffen und fördern.
  • Regelmäßige Möglichkeiten zum Austausch über digitales Lernen bieten, sowohl offline als auch online per Videokonferenz oder Chat.
  • Die Teilnahme an Lerneinheiten honorieren, zum Beispiel durch Badges (Abzeichen).

 

Welche Tipps haben Sie für die Förderung von digital gestütztem Lernen im Beruf? Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Thema gemacht? Schreiben Sie uns an info@netzwerk-digitale-bildung.de oder kontaktieren Sie uns über Twitter.

Zusammengefasst: unsere 5 Linktipps zum Thema

  • Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zum Qualifikationsbedarf von Fachkräften
  • Wirtschaftsbosse kritisieren Status von Technik in der Ausbildung, unter anderem mit Kasper Rorsted, Vorstandschef von Henkel
  • 10 Thesen zur Digitalisierung des Lernens im Unternehmen von Bildungsberater Thomas Tillmann
  • Masterarbeit zum Einsatz von Mikrolernen in der betrieblichen Weiterbildung
  • MOOC Corporate Learning 2.0 mit vielen Beispielen von digitalem Lernen in Unternehmen
2017-03-02T10:19:04+00:00