Montags Deutsch, Englisch und dann zwei Stunden Digitalkunde. Was für viele noch utopisch klingt, ist in Berlin als Modellprojekt der TU Berlin seit über einem Jahr Realität. Ein Gastbeitrag von Verena Gonsch

Schülerinnen und Schüler der Oberstufe diskutierten im Unterricht Sinn und Unsinn von Algorithmen und programmierten eigene Apps. Das erste Jahr wurde sehr positiv aufgenommen – von Schülern, Eltern und Lehrkräften. Das Projekt wird weitergeführt, erstmal mit weiteren neun Schulen. Momentan läuft eine externe Prüfung, dann sollen alle Berliner Schulen mit gymnasialer Oberstufe „Digitale Welten“ auch ohne externe Fortbildung anbieten können.

Das Ziel: die digitale Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler

Koordinatorin Melanie Stilz von der TU Berlin glaubt, dass ein Fach „Digitalkunde“ Zukunft hat. Sie beschreibt die unterschiedlichen Aspekte von Digitalkunde: „Ob das jetzt Smartboards, Tablets oder Smartphones sind. Das hat aber noch gar nichts mit den Inhalten zu tun. Man kann klassischen Deutschunterricht mit dem Smartphone machen, ohne sich nur im Geringsten mit den Technologien dahinter auseinanderzusetzen. Die zweite Ebene, neben der der Anwendung, ist die technische, die Auseinandersetzung mit der Funktion. Die spielt ein Stück weit in den Informatikunterricht mit rein.“ Diese beiden Aspekte würden zumindest in Ansätzen schon umgesetzt. Was für Melanie Stilz fehlt, ist die soziokulturelle Debatte, also der Umgang mit Daten, mit Algorithmen, mit dem Thema Überwachung. Alle drei Ebenen – Anwendung, Technik und die soziokulturelle Ebene – gehören für sie zusammen, sagt sie: „Dieser Zusammenhang kann nicht von allen Fächern geleistet werden. Das überfordert Lehrende oder Schulen. Deswegen bin ich auch überzeugt, dass es ein solches Fach braucht. Die Digitalisierung entwickelt sich so rasant, dass ein Impulsfach notwendig ist, welches sich ganz explizit mit aktuellen Themen auseinandersetzt.“

Das Ziel ist die digitale Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler. Ob das die Freizeit betrifft, die Arbeit oder Big Data: Die Jugendlichen sollen befähigt werden, zu solchen Themen eine eigene Einschätzung zu entwickeln. Das gilt auch für die sogenannte digitale Fabrikation: In Berlin setzen sich Schüler im Rahmen eines Projektes mit der Frage auseinander, was sinnvoll mit 3D gedruckten Elementen gebaut, repariert oder weiterentwickelt werden kann. Schulen können mit FabLabs oder 3D-Druck-Cafés, von denen es einige in Berlin gibt, zusammenarbeiten und dort auf entsprechende Geräte zurückgreifen.

Datenschutzbeauftragte sieht Notwendigkeit für Fach Digitalkunde

Auch die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff plädiert für das Fach Digitalkunde: Sie hält ein Schulfach für digitale Kompetenz „für notwendig und geboten“, sagte sie der Neuen Osnabrücker Zeitung. Digitale Kommunikation gehöre auch für Schüler bereits zum Alltag und sei auch nicht mehr wegzudenken: „Die damit zusammenhängenden Datenschutzfragen sind so komplex, dass sie nicht allein in den Familien, sondern von entsprechend geschulten Personen in der Schule aufgegriffen werden müssen.“ Allerdings gehen die Meinungen sehr weit auseinander, an welches Fach es denn angedockt werden sollte. Für viele ist das Digitale noch viel zu sehr in der Informatik angesiedelt. Ein eigenes Fach „Digitalkunde“ sollte ihrer Meinung nach eher zum Fach Philosophie oder Politik zugeschlagen werden. Dort könnten dann Schülerinnen und Schüler viel besser über Sinn und Unsinn von KI und Algorithmen streiten. Allerdings kommt dann auch gleich die Debatte auf, was man dafür weglässt. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) kennt das Problem. Er hat schon lange auf ein Fach Technik gedrängt. Stattdessen stellen immer mehr Bundesländer den Unterricht in Technik und Handwerken ein. Und auch zuhause gibt es kaum noch junge Männer oder Frauen, die von zuhause einen Zugang zu technischen Fertigkeiten mitbringen. Nur, was wegnehmen, um neue Fächer einzuführen? Da will dann doch kein Fach etwas abgeben.

Eine Alternative ist für viele, digitale Themen als Querschnittsthema in den Unterricht aller Fächer einzubauen. Vorbild will hier NRW mit seinem Medienkompetenzrahmen sein, den alle Schulen des Bundeslandes bis 2021 umsetzen sollen. Schon in der Grundschule sollen die Kinder erste Programmierkenntnisse erwerben. Die Schulen werden mit der notwendigen Hardware ausgestattet werden. Soziokulturelle Fragen sollen in den Lehrplänen unterschiedlichster Fächer Eingang finden.

Bis erste Erfahrungen mit beiden Modellen – als Extra-Fach oder als Querschnittsaufgabe – vorliegen, wird es also noch einige Zeit dauern. Entscheidend scheint mir aber zu sein, dass der Schwung, mehr Digitale Bildung in die Schulen zu bringen, nicht verpufft. Dazu braucht es jetzt schnell Fördermittel wie das Geld aus dem vorerst ausgebremsten Digitalpakt und viele weitere Leuchtturmprojekte, die zeigen, wie wichtig Digitale Bildung ist.

Bildquelle: pixabay

Über die Autorin

Verena Gonsch, geboren 1966, arbeitet als Redakteurin bei NDR Info und kümmert sich dort um gesellschaftspolitische Trends. Sie hat einen 15-jährigen Digital Native zuhause, und der programmiert ihr längst nicht mehr nur die Klingeltöne für ihr Smartphone, sondern führt sie in die Welt des Gaming ein. Als Europakorrespondentin in Brüssel hat sie jahrelang gemerkt, wie lässig andere Länder mit der digitalen Welt sind und wie kompliziert wir Deutschen da sind. Sie ist ausgebildet als systemischer Coach und outet sich auch bei Elternabend und Müttergesprächen gerne als streitbare Gamingexpertin. Als Medienprofi moderiert sie regelmäßig Radiosendungen und öffentliche Veranstaltungen.

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