Federica Paganelli Overlack arbeitet seit sechs Jahren als Kinder- und Jugendcoach. Eltern und Kinder suchen aus den unterschiedlichsten Gründen ihren Rat – seien es Konzentrationsschwierigkeiten oder einfach nur mangelnde Motivation beim Lernen.

Zu ihrem Schwerpunkt gehört unter anderem die Arbeit mit Kindern mit ADHS. Das Hauptziel ihres Berufs: Blockaden lösen – auf mentaler wie auf körperlicher Ebene. Digitale Medien können dabei hilfreiche Brücken schlagen, findet sie.

Im Interview erklärt sie, warum Motivation bei jungen Lernenden so wichtig ist, welchen Stellenwert Lehrkräfte und der Einsatz digitaler Medien ihrer Meinung nach beim Lernen einnehmen und warum das Schulfach „Glück“ Einzug an deutschen Schulen finden sollte.

Frau Paganelli Overlack, welche Rolle spielt Motivation bei Schülerinnen und Schülern?

Federica Paganelli Overlack: Motivation ist das A und O. Meine Erfahrung ist, dass die Schülerinnen und Schüler bei mangelnder Motivation keine Ziele haben. Wenn ich die Kinder das erste Mal frage: „Warum gehst du zur Schule?“, dann ist die Antwort häufig: „weil ich muss“. Oder: „Findest du Schule gut?“ – „Nee, Schule ist doof. Die Lehrer sind doof.“

Es gibt Studien, die zeigen, wie die Motivation in der ersten Klasse nach drei bis vier Wochen abnimmt. Das liegt am Leistungsdruck von außen, für den auch wir Eltern verantwortlich sind. Im Kindergarten ist das Leben noch ganz entspannt, dort darf noch alles spielerisch sein. In der Schule müssen die Kinder in allen Fächern gute Note schreiben. Das erhöht natürlich den Druck.

Hier kommt das Schulfach „Glück“ ins Spiel. In Deutschland gibt es einige Lehrkräfte, Coaches und Trainer, die, so wie ich, für das Fach Glück ausgebildet sind. Für Schulen ist dieses Fach ein Riesengeschenk. Ich habe im vergangenen Jahr eine 5. Klasse in diesem Fach begleiten können. Das war eine Werkrealschule, d.h. diese Schülerinnen und Schüler hatten in der Grundschule die wenigsten Erfolgserlebnisse. Diese Kinder denken, sie seien Versager, weil sie es weder auf ein Gymnasium noch auf eine Realschule geschafft haben.

Und das Fach Glück kann das ändern?

Paganelli Overlack: Das Schulfach Glück greift auf die positive Psychologie zurück. Die Hauptaufgabe ist, eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen, um dann eine gewisse Selbstständigkeit bei ihnen zu erzielen. Die Schülerinnen und Schüler sollen den Sinn dahinter finden, warum sie lernen.

Das erreichen wir in erster Linie auf spielerischem Wege und in Gruppenarbeit. Wir analysieren zunächst Stärken, Schwächen und Ängste. Danach schauen wir uns an, welche Wünsche und Ziele sie haben und welche Entscheidungen sie dafür treffen müssen. In zwei weiteren Schritten gehen wir schließlich konkret die Umsetzung und die Reflexion an.

Es geht dabei immer um persönliches Wachstum. Die Kinder sollen ihre eigenen Stärken erkennen, aber auch hören, was die anderen empfinden. Sie geben dabei offen ihre eigenen Schwächen zu. Das Zugeben eigener Schwächen wird in unserer Gesellschaft tabuisiert. In Wirklichkeit aber würde das Erkennen der eigenen Schwächen eine große Erleichterung bedeuten.

Eine Schülerin erkannte am Ende einer Stunde einmal: „Wir haben alle ähnliche Ängste.“ Die Kinder haben sonst diesen Austausch nicht – nicht zu Hause und nicht in der Schule. Die zweite große Erkenntnis kam von einem Schüler, der auch über seine Ängste sprach: „Ich habe gemerkt, dass es mir jetzt viel, viel besser geht.“

Dafür ist ja eine Vertrauensbasis nötig. Die brauchen Lehrkräfte auch, um guten Unterricht zu machen. Sie sehen sich dabei jedoch oft einer Gratwanderung ausgeliefert: Auf der einen Seite müssen sie Autorität ausstrahlen, gleichzeitig müssen sie kooperativ sein und ein ausgeglichenes, „kumpelhaftes“ Verhältnis auf Augenhöhe haben. Wie schafft man das?

Paganelli Overlack: Ich glaube, das respektvolle Miteinander auf Augenhöhe ist sehr wichtig. Ich unterrichte zwar keine Fächer, aber die Arbeit einer Lehrkraft ist meiner Arbeit als Motivationscoach recht ähnlich. Auch ihnen muss es gelingen, eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen und zu erkennen, dass hinter jedem Kind eine eigene Geschichte steckt.

Die Begegnung auf Augenhöhe ist meines Erachtens auch eine Frage der Erwartungshaltung. Ich erwarte von den Kindern nicht, dass sie die Besten sind. Ich erwarte nur, dass sie ihr Bestes geben. Das bedeutet aber nicht automatisch, Erfolg zu haben. Auch bei einer schlechten Note muss sich ein Schüler oder eine Schülerin gestärkt fühlen: „Beim nächsten Mal machst du es besser. Es ist nicht so schlimm. Schau, was du richtig gemacht hast und wenn du Hilfe brauchst, gebe ich dir ein paar Tipps.“

Wenn ich mich mit meiner Lehrerin verstehe, weil ich sie mag, dann werde ich alles dafür tun, dass ich dran bleibe – egal, ob ich eine 3 oder eine 1 schreibe. Das spielt dann keine Rolle mehr.

Haben Sie drei konkrete Tipps für Lehrkräfte, wie sie ihre Schülerinnen und Schüler – möglichst nachhaltig – motivieren können?

Paganelli Overlack: Jeder nimmt Informationen unterschiedlich auf. Lehrkräfte sollten deshalb die drei Sinneskanäle berücksichtigen – den Auditiven, den Visuellen und den Kinästhetischen. Visuell heißt, ich muss den Lernstoff sehen, auditiv heißt, ich muss ihn hören, kinästhetisch heißt, ich muss ihn fühlen.

Wenn es der Lehrkraft gelingt, alle drei Kanäle gleichzeitig anzusprechen, also nicht nur an der Tafel zu schreiben oder aus dem Buch zu lesen, sondern die Kinder in Austausch zu bringen, dann sind sie aktiver am Unterricht beteiligt. Rollenspiele und Mindmapping helfen beispielsweise dabei. Nicht in jeder Stunde, aber so kann man die Schülerinnen und Schüler zu bestimmten Themen miteinander interagieren lassen.

Super wäre es auch, wenn die Schülerinnen und Schüler schneller Feedback zu ihren Arbeiten bekommen. Dann sind sie noch im Thema und können Fehler besser nachvollziehen. Hier bringt die digitale Welt große Vorteile, weil man Feedback viel schneller und individueller geben kann.

Inwiefern kann Technologie beim Lehren und Lernen noch unterstützen?

Paganelli Overlack: Ich würde sagen, das ist abhängig vom Zeitpunkt und auch von der Dosis. Wann setze ich was wie lang ein? Ich glaube, wenn man mit jüngeren Kindern zu tun hat, kann man sie damit neugierig machen und zum Lernen motivieren.

Zu Hause haben sie täglich mit digitalen Medien zu tun – nur geht es dann oft eher um Spiele und Videos schauen als ums Lernen. Die Schule kann da mehr beitragen. Dafür muss aber nicht nur die Schule besser ausgestattet werden, sondern auch die Lehrkräfte sollten besser ausgebildet werden.

Die Schülerinnen und Schüler sollten nicht nur wissen, wie man mit der Technologie und mit Informationen im Netz umgeht, sondern sie müssen auch die Digitalisierung verstehen. Dazu gehört für mich unter anderem das Programmieren. Unser Arbeitsmarkt verändert sich, die Kinder müssen darauf vorbereitet werden – am besten auch hier spielerisch.

Darüber hinaus bietet das Internet altersgerechte Plattformen zum selbständigen Recherchieren und Lernen. Lehrvideos von Schülerinnen und Schülern oder Lehrkräften können zusätzliche Perspektiven auf den Lernstoff liefern und Freude bereiten. In Blogs können die Kinder das eigene Lernen reflektieren und mit anderen teilen. Etwas erklären zu können bedeutet, es auch verstanden zu haben. Hier eröffnen digitale Medien viele neue Möglichkeiten, die diese Art des Lernens einfacher machen.