Was ist zeitgemäße Bildung? Wir haben nachgefragt und Sie haben zahlreich geantwortet

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In jüngster Zeit fällt in der Diskussion um einen zukunftsorientierten Unterricht in Zeiten des digitalen Wandels vermehrt der Begriff „zeitgemäße Bildung“ – oftmals als Alternative zum Begriff Digitale Bildung, den viele als zu eng gefasst sehen. Diese Debatte haben wir als Netzwerk zum Anlass genommen, bestehende Thesen zu sammeln und mit Ihnen zu diskutieren. Dafür bot die didacta 2018 den idealen Rahmen.

Wir fragten:

  • Was bedeutet für Sie zeitgemäße Bildung?
  • Was wünschen Sie sich und was brauchen Sie dafür?

Die ausgewählten Thesen haben wir  in einem kollaborativen Dokument über Google Drive gesammelt. Alle, die sich an der Diskussion beteiligen wollten,  konnten ihre eigenen Gedanken ergänzen, Forderungen formulieren und/oder auf bereits vorhandene Beiträge eingehen. Und diesem Aufruf sind viele von Ihnen nachgekommen. Wir sind immer noch überwältigt davon, wie viele engagierte und namhafte Bildungsakteure unseren Aufruf geteilt und sich mit Anmerkungen beteiligt haben – herzlichen Dank dafür!

Hintergrund: Die Debatte um „zeitgemäße Bildung“

Insbesondere der Lehrer und bekannte Bildungsblogger Dejan Mihajlovic hat den Begriff „zeitgemäße Bildung“ als Alternative und Erweiterung zu „Digitale Bildung“ in die Debatte eingebracht: Er war mit seinem Blogbeitrag eine der kritischen Stimmen, für die der Begriff „Digitale Bildung“ zu sehr auf die Technik und auf digitale Werkzeuge fokussiert und will die Diskussion auf zeitgemäße Lehr- und Lernformen erweitern. Zeitgemäße Bildung beschreibt für ihn das Ideal einer Bildung, die zum „Denken im großen Ganzen“ anregt, sich laufend hinterfragt und sich ihrer Zeit entsprechend anpasst:

„Zeitgemäße Bildung orientiert und reflektiert sich immer wieder neu an allen Herausforderungen gesellschaftlicher Entwicklung, die aus dem digitalen Wandel resultieren. Sie unterscheidet beim Lernen nicht zwischen einzelnen Fächern, Klassen, Schularten oder formaler und non-formaler Bildung.“

Digitaler Wandel braucht neue Kompetenzen

Zeitgemäße Bildung wurde in einer eigenen Session auch während des EduCamp 2017 intensiv diskutiert. Für Alexa Schaegner vom Projekt Aula sollte zeitgemäße Bildung den Fokus mehr auf den Erwerb notwendiger Kompetenzen richten. Ziel müsse es sein, die Schülerinnen und Schüler so vorzubereiten, dass sie aus eigener Kraft flexibel den ständig neuen Herausforderungen begegnen können. Hier setzt auch das 4K-Modell des Lernens an. Es formuliert die wichtigsten Kompetenzen für Lernende im 21. Jahrhundert: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. Im Vordergrund steht damit der Prozess des lebenslangen Lernens.

Die Diskussion zur Didacta 2018

Zentrale Themenkomplexe in der Diskussion in unserem kollaborativen Dokument waren die Rollendefinition von Schülern und Lehrkräften, neue Lehr- und Lernkonzepte und die Frage nach notwendigen Kompetenzen. Wir fassen die Stimmen hier zusammen. Die gesamte Debatte um „zeitgemäße Bildung“ können wir damit nicht abbilden, sondern wollen zu weiteren Diskussionen anregen.

Reform der Lehreraus- und weiterbildung

Grundvoraussetzung für zeitgemäße Bildung sei zunächst einmal eine Reform der Lehreraus- und weiterbildung, meint Martin Hüppe, ehemaliger Geschäftsführer des Bündnisses für Bildung e.V. und Didacta e.V. und heutiger Geschäftsführer der IServ GmbH. Die Lehrkraft sei schließlich auch im digitalen Zeitalter noch der Schlüssel für guten Unterricht und gute Schule, schreibt er. Eine Reform müsse demnach so angelegt sein, dass Lehrkräfte die Vermittlung digitaler Kompetenz als Chance begriffen.

Dejan Mihajlovic hatte in einem Interview mit edulabs in gleicher Richtung betont, dass es ein Umdenken geben müsse und verhärtete Strukturen aufgebrochen werden müssten. Beispielsweise ergebe es „keinen Sinn, einen Bildungsplan zu entwickeln, der über zehn Jahre lang gültig ist“, weil heute immer eine Unsicherheit bestehe, was in naher Zukunft aktuelle Themen sein würden.

Mehr Mut und ein neues Selbstverständnis der Lehrkräfte

Für die Lehrkräfte bedeutet das vor allem: Mut zeigen und neue Wege beschreiten. „Wir neigen oft dazu, Dinge erst dann zu ändern, wenn wir genau wissen, dass die neuen Methoden und Techniken funktionieren,“ so Dr. Sarah Henkelmann, Sprecherin des Netzwerk Digitale Bildung. Deshalb appelliert Henkelmann an mehr Experimentierfreudigkeit: „Wir brauchen mehr Mut, Bildung mit digitalen Werkzeugen einfach einmal auszuprobieren.“

Mut und die Offenheit für eine neue Didaktik erfordern auch ein neues Selbstverständnis als Lehrkraft. Der Twitter-User @kaback formuliert dies in unserem Dokument folgendermaßen:

„Lehrer müssen genauso, wie sie es von Schülerinnen und Schülern fordern, neugierig und offen für neue Inhalte sein. Lehrer müssen mit gutem Beispiel voran gehen. Sie müssen lernen, sich eigenständig oder im Team in neue Techniken und Methoden einarbeiten. Lehrer müssen auch bereit sein, lebenslang zu lernen – immer wieder neu. Da muss sich jeder Lehrer an die eigene Nase fassen. Liebe Lehrer, lernt wieder mehr!

Lehrkräfte sind also nicht mehr „nur“ Lehrende, sondern immer auch Lernende – und zwar sowohl in Zusammenarbeit mit dem Kollegium als auch mit den Schülern. Ralf Kroefges (@kroefges) spricht ein häufiges Problem in den Schulen an: Lehrkräfte arbeiten als Einzelkämpfer und sperren sich gegen kollegiale Hospitation und Reflexion.

Der ständige Austausch sei allerdings vonnöten, da zeitgemäße Bildung immer auch eine Reflexion erfordere, schreibt Mihajlovic in seinem Blog. Damit meint er nicht nur die Evaluation von digitalen Werkzeugen im Unterricht, sondern auch die immer wiederkehrende Analyse gesellschaftlicher Herausforderungen, die sich aus dem digitalen Wandel ergeben. Nach den Worten von Dr. Maren Goltz (Meininger Museen) benötigen wir „Dialoge, in denen sich die Akteure frei von eingefahrenen Bahnen, Proporz- und Hierarchiedenken im offenen Meinungsaustausch begegnen“.

Der Lehrer Ralf Kroefges (@kroefges) wünscht sich dafür zudem „Impulse von außen, die die Lehrkräfte motivieren, sich auf den Weg zu machen.“ Dabei sieht er vor allem die Politik in der Pflicht: Sie müsse Räume schaffen, Zweifel beseitigen und Innovationswillen unterstützen.

Neue Lehr- und Lernkonzepte

Die Rollen zwischen Lehrkräften  und Schülerinnen und Schülern sind zwar nach wie vor klar verteilt. Jedoch nähern sie sich durch eine engere Vernetzung zunehmend aneinander an. Myrle Dziak-Mahler, Geschäftsführerin des Zentrums für LehrerInnenbildung an der Universität zu Köln, beschreibt das Verhältnis wie folgt:

„In Zukunft wird es stärker darum gehen, den Schülern Haltungen und Herangehensweisen zu vermitteln und sich in einem partnerschaftlichen Verständnis als Lehr- und Lerngemeinschaft zu  verstehen.“

Häufig fiel in der Diskussion der Begriff der „Freiräume“ – Freiräume für Trial and Error, für eine selbstorganisierte, kooperative und bedürfnisgerechte Lehr- und Lernkultur und für neue Lernkonzepte, die sich zum Beispiel auf soziale Teilhabe und kollaboratives Lernen fokussieren. Auch die Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstands sollte eine Rolle spielen – das ist für die Psychologin Ruth Habermehl (@zufrieden_leben) bei der Entwicklung neuer Lehr- und Lernkonzepte von besonderer Bedeutung.

Der Fachleiter Peter Ringeisen weist darauf hin, dass nicht alles neu erfunden werden müsse. Als Beispiel nennt er das Unterrichtsprinzip „Lernen durch Lehren“ nach Prof. Dr. Jean-Pol Martin, das „in hohem Maße den Forderungen nach Selbstorganisation, Kooperation und Bedürfnisgerechtigkeit“ entspreche.

In ähnliche Richtung argumentiert der Sonderschuldirektor Michael Zirngibl. Er warnt davor, das Rad gänzlich neu erfinden zu wollen: Humanismus und Werte der Aufklärung würden durch die Digitalisierung schließlich nicht obsolet.

Notwendige Kompetenzen: Der Fokus zeitgemäßer Bildung

Weil sich im Zeitalter des digitalen Wandels die Anforderungen an uns als Mitglieder der Gesellschaft permanent wandeln, drehen sich das 4K-Modell genau wie Mihajlovics Ansatz von zeitgemäßer Bildung immer wieder um die Reflexion von Kompetenzen. Die Organisation Mutik (@mutik_org) versteht darunter konkret, mit kultureller Bildung und digitalen Tools Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu schaffen.

Laut Bildungsforscher Stefan Richtberg (@webphysik) muss zeitgemäße Bildung dafür sorgen, dass

„Schülerinnen und Schüler selbstständig dazu in der Lage sind, Informations- und Wissensangebote (im Netz oder offline) einzuordnen und ihre Glaubwürdigkeit sowie die fachliche Korrektheit kritisch zu prüfen.“

Ralf Kroefges (@kroefges) und Andreas Koch (@_code_it_) betonen zudem den hohen Stellenwert des Methodentrainings. Schülerinnen und Schüler müssten heute mehr denn je „lernen, wie man lernt“. Sie müssten in der Lage sein, Themen und Fragestellungen in unterschiedlichen Kontexten mit verschiedenen Medien und Formaten zu bearbeiten.

Michael Zirngibl gibt zum Schluss das bewährte Denkmodell der Daseinsgrundfunktionen mit auf den Weg: Damit ließe sich auch heute einfach identifizieren, was zeitgemäße Inhalte und Kompetenzen seien. Man halte dafür fest, inwieweit sich unsere Lebenswelt durch die Digitalisierung in den folgenden Daseinsgrundfunktionen verändert hat. Der Vorteil dieses Rasters sei, dass es auf alle Bildungseinrichtungen individuell anwendbar sei. „Menschen müssen: wohnen, arbeiten, sich bilden, sich erholen, in Gemeinschaft leben, entsorgen, am Verkehr teilnehmen, kommunizieren.“

Fazit

Die Diskussion zur zeitgemäßen Bildung im digitalen Zeitalter wurde divers und lebhaft geführt. Zusammenfassend forderten die Beteiligten in erster Linie ein neues Rollenverständnis von Lehrkräften und Schülern. Die Verantwortlichen sollten Lehr und Lernkonzepte laufend hinterfragen, neu anpassen und den Erwerb zeitgemäßer Kompetenzen fördern.

Dabei zeigte sich jedoch auch, dass für eine Definition zeitgemäßer Bildung an bestehende Konzepte angeknüpft werden kann. Der Weg zu einem zukunftsfähigen Unterricht ist nicht allein vom Budget oder der neuesten Technik abhängig. Immer wieder betonen die Diskussionsteilnehmenden, wie wichtig es sei, sich mit anderen auszutauschen. Oftmals haben engagierte Lehrkräfte bereits innovative Unterrichtsideen unter Einsatz digitaler Medien umgesetzt und sind offenbar gerne bereit, diese zu teilen.

Auch das Netzwerk Digitale Bildung verfolgt das Ziel, Interessierte zu vernetzen und einen konstruktiven Austausch zu fördern. Wir freuen uns, wenn die vorliegende Zusammenfassung von Thesen zur zeitgemäßen Bildung auch die Umsetzung der Ideen in die Praxis vorantreibt. Mit unseren kostenfreien Beratungs- und Unterstützungsangeboten möchten wir dazu beitragen, sich dem Idealbild einer zeitgemäßen Bildung schrittweise anzunähern – und damit Schule flächendeckend zukunftsfähig zu gestalten.

Unser Lehrernetzwerk und unsere Expertencommunity bieten Interessierten die Möglichkeit, sich mit erfahrenen Lehrkräften und Praktikern über einen zeitgemäßen Unterricht und neue Ideen auszutauschen. Machen Sie mit und vernetzen Sie sich mit uns. Wir freuen uns über Ihre Anregungen!

Wir danken an dieser Stelle noch einmal allen Beteiligten für ihre Thesen zu zeitgemäßer Bildung:

  • Ralf Kroefges, Lehrer (@kroefges)
  • Kai Wörner, Seminarlehrer (@Woe_Real)
  • Institut für Situationsforschung (@kaback)
  • Stefan Richtberg, Bildungsforscher (@webphysik)
  • Peter Ringeisen, Fachleiter Englisch am Gymnasium (@vilsrip)
  • Ruth Habermehl, Psychologin und Personalentwicklerin (@zufrieden_leben)
  • Organisation Mutik (@mutik_org)
  • Michael Zirngibl, Sonderschulrektor, Sonderschulförderzentrum Schwandorf
  • Nele Hirsch, Bildungsforscherin (@ebildungslabor)
  • Andreas Koch, Code it! (@_code_it_)
  • Jan Vedder, Lehrer und Seminarleiter (@vedducation)
  • Maren Goltz, Meininger Museen

Alle Thesen können im ursprünglichen Google Doc nachgelesen werden.

Denjenigen, die tiefer in das Thema zeitgemäße Bildung einsteigen möchten, empfehlen wir das Podcast-Interview von Jöran Muuß-Merholz mit Dejan Mihajlovic.

Hören Sie in kurzen Videostatements, was Lehrkräfte aus unserer Community unter zeitgemäßer Bildung verstehen. Welche Thesen wir zu Digitaler Bildung anlässlich des IT-Gipfels formuliert haben, können Sie hier nachlesen.

2018-03-12T12:43:32+00:00